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Giethoorn (1. – 4. September)

Es war schön in Giethoorn, wenn auch sehr touristisch. Das Dorf, durchzogen von unzähligen Kanälen und geprägt von reetgedeckten Häusern, wirkte fast wie ein Freilichtmuseum – wunderschön, aber zugleich sehr konservativ. Ich vermute, dass es im Ortskern nicht ganz einfach ist, baulich etwas zu verändern: eine Solaranlage auf dem Dach undenkbar, ein Kompost im Garten schwierig.

Museale Häuser überall

Natürlich unternahmen wir in Giethoorn die obligatorische Bootstour, mit einem leisen Elektroboot, mit dem wir zunächst das „Ballenberg der Niederlande“ durchquerten und anschliessend auf den nahegelegenen See hinausfuhren. Das Bootfahren hat mir unglaublich gefallen, besonders im engen und lebhaften Dorfkern. Es war anspruchsvoll, forderte mich heraus, ohne mich zu überfordern – ich war im Flow. Ständig musste ich nachkorrigieren, und genau dadurch war meine volle Aufmerksamkeit beim Steuern.

Am zweiten Tag reisten Mara und ich nach Zwolle, einer Kleinstadt, welche von Giethoorn in einer Stunde zu erreichen ist. Richtig kennengelernt habe ich die Stadt nicht – wir sahen eine Brasserie mit Spielecke, einen Spielplatz am IJssel, der Fluss, welche die Innenstadt umkreist, eine kleine Schokoladenmanufaktur und den Bahnhof. Und doch: die Stadt war mir sofort sympathisch. Ich glaube, ich habe ein Faible für mittelgrosse Städte, die alles bieten, aber noch nicht so teuer sind, dass kleine Läden verschwinden. Auch Biel gefällt mir deshalb. Zwolle ist mit rund 100’000 Einwohner:innen nicht wirklich klein, aber im Vergleich zu Amsterdam, das fast eine Million zählt, eben doch überschaubar. Biel kommt auf knapp 60’000, Zürich auf 450’000. Zudem scheint Zwolle sozial-liberal geprägt zu sein: nicht versnobt, bürgernah – und das sagt mir zu. Eine kurze Google-Recherche hat bestätigt, dass ich damit nicht ganz danebenlag. Und auch Biel ist politisch eher links verortet.

Zwolle, sieht fast so aus wie Stern

Spannend finde ich, was es eigentlich braucht, um sich auf Reisen wohlzufühlen. Bisher hatten wir sehr unterschiedliche Unterkünfte – meist Ferienwohnungen, doch auch die können stark variieren. Entscheidend sind für mich drei Dinge: Lage, Grösse und Nachbarschaft.

Eine gute Lage ist praktisch – aber was heisst das genau? Für mich ist es ein grosser Pluspunkt, wenn die ÖV-Anbindung stimmt und ich morgens rasch an einem schönen Ort (zum Beispiel in einem Naturschutzgebiet) joggen gehen kann. Seit meinem Aufenthalt in Neapel weiss ich, dass das keineswegs selbstverständlich ist. Eine direkte See- oder Kanalsicht brauche ich nicht, auch wenn dies natürlich idyllisch ist. Viel wichtiger ist Platz – vor allem seit wir zu dritt unterwegs sind. Wenn alles in einem einzigen Raum gequetscht ist und man nicht weiss, wohin mit seinen sieben Sachen, empfinde ich das als mühsam und anstrengend. Platz ist Luxus, Platz ist praktisch – und er vermindert Reibungsflächen.

wunderschöne Aussicht, aber ein bisschen klein, für drei Tage ganz okay

Und dann die Nachbarschaft: Ich weiss aus Erfahrung, dass mich reklamierende Nachbarn stark verunsichern können. So geschehen gleich in der ersten Nacht in Bloemendaal: eine wunderschöne, grosse Wohnung in toller Lage – und doch wurden wir um halb elf von den Nachbarinnen unter uns zur Ruhe ermahnt. Dabei waren wir lediglich spät heimgekommen und hatten uns in der Wohnung bewegt. Danach lag ich lange wach und konnte kaum einschlafen.

Also meine persönliche Rangliste:

  1. Tolerante Nachbarn oder gut isolierte Wohneinheiten
  2. Genügend Platz
  3. Gute Lage

Ein Tinyhouse oder eine hellhörige Altbauwohnung kommen eher nicht in Frage.

Bloemendaal (21. – 28. August)

Bloemendaal ist eine Gemeinde nahe der wunderschönen Stadt Haarlem, der kleinen Schwester von Amsterdam (eine Stadt, die alles hat, so der Slogan). Bloemendaal ist sehr hübsch aus, auch ein bisschen luxuriös und die Immobilien, welche ich im Schaufenster eines entsprechenden Anbieters gesehen habe, kosten mehr als in Grenchen.

Bloemendaal grenzt auch an den wirklich bezaubernden Nationalpark Zuid-Kennemerland, ein Gebiet aus Dünen, Wälder und kleinen Erhebungen, welche dort als Berge bezeichnet werden (also 30 Meter hoch) und natürlich grenzt der Park an das wunderschöne Meer. Im Park leben auch Tiere, vor allem Vögel, aber auch grosse schottische Hochlandrinder, welche ich auf meiner ersten Joggingtour irrtümlicherweise als Wisente fehlinterpretiert habe. Die gibt es nämlich auch, aber schön eingezäunt wie bei uns, so dass man nicht irrtümlicherweise mit 5 Meter Abstand an ihnen vorbei joggen kann.

fast ein Wisent 😀

Was es auch noch gibt, sind Spielgelegenheiten für Kinder. Im Park selbst gibt es extra ausgeschilderte Bereiche, in welchen das Spielen explizit erlaubt ist. Vielleicht sogar gewünscht. Das ist schon geil. 

einfach genial

Auch in der nahen Stadt Haarlem gibt es Möglichkeiten zum Spielen und Verweilen mit Kindern – besonders erwähnenswert: der Naturspielgarten des Haarlemmer Kweektuin (Baumschule Haarlem) mit Zwergenpfad und „Grow Café“. Die Anlage ist gross, sehr gross sogar – mit dem genannten Café im Gewächshaus, das auch Pop-up-Stores und Kinderbücher beherbergt (ganz wichtig und praktisch) . Die Niederländer verstehen es wirklich, Treibhäuser kreativ und kunstvoll zu nutzen. Ein anderes Beispiel war das Restaurant DeDAKKAS, einem stilvoll eingerichteten Lokal direkt oben auf einem Parkhaus, in einem echten Treibhaus (!). Auch da war alles sehr stilvoll gestaltet .


Nach unserem Aufenthalt in Bloemendaal reisten wir für eine Hochzeit nach Hamburg – und durften dort unsere Erfahrungen mit der Deutschen Bahn machen. Alles war schon ein Stück komplizierter als in den Niederlanden, wo man einfach mit der Kreditkarte ein- und auscheckt und fertig. Trotzdem gab es zwei wirklich geniale Erlebnisse, die ich gerne teilen möchte:

Hinhalten fertig, es braucht nicht immer eine App!

1. Triage im Reisezentrum: Wir hatten eine Bahncard 25 gekauft, deren Aktivierung irgendwie nicht funktionierte, also mussten wir an den Schalter. Dort wurde unser Anliegen zunächst an einem „Triageschalter“ aufgenommen, wir bekamen eine Nummer und wurden dann an einen weiteren, etwas abseits gelegenen Schalter verwiesen. Dort nahm man sich intensiv Zeit für uns – wirklich eine sehr gute Lösung.

2. Kinderbetreuung im ICE: In einigen ICE-Zügen gibt es am Wochenende eine Kinderbetreuung, die man während der Fahrt nutzen kann. Wie genial ist das denn? Unser Zug war voll, aber in den zwei für die Betreuung reservierten Viererabteilen fand ich problemlos Platz – und wurde dabei quasi gleich ein bisschen mitbetreut.